poetic reading
Die Geschichte der Techniken der Vorhersage ist so alt wie die Geschichte selbst. Im Lauschen an die Schiene liegt etwas Melancholisches. Das Kommende scheint unaufhaltsam. Die eigenen Kräfte reichen bei weitem nicht aus, um die Dynamik aufzuhalten, die sich erst leise ankündigt. Sich zu entfernen scheint klug. Doch wenn ich mein Ohr von der Schiene nehme, reißt die Verbindung. Die Ankündigung bliebe aus.
Sachliche Beschreibung
Drei Ballerinas in Spitzenschuhen und Tutus, mit roten, grünen und blauen Mützen, ruhen im Gleisbett, jeweils ein Ohr auf der Schiene. Zwei von ihnen haben die Augen geöffnet, ihre Gesichter wirken konzentriert, als würden sie lauschen, während diejenige mit der roten Mütze zu schlafen scheint. Das Bild ist um 90 Grad gedreht, sodass die Frauen aufrecht erscheinen. Die Schienen sind rostig, das Gleisbett grau und steinig. Die drei Figuren füllen den Bildausschnitt aus.
Denkbare Assoziation
Im Schotterbett zwischen rostigen Gleisen liegen drei Frauen. Sie tragen Tanzkleidung, Spitzenschuhe, Tutu und einfache, aber eigenwillige Mützen in den Farben Grün, Blau und Rot. Sie legen ihr rechtes Ohr an die Schiene; ihr Blick lässt vermuten, dass sie sich ganz auf das Hören konzentrieren. Die Aufnahme entstand im Querformat, wird aber im Hochformat präsentiert. So erscheinen die Figuren aufrecht, die Landschaft jedoch gekippt. Was hören die jungen Frauen mit besorgtem Gesichtsausdruck? Nehmen sie wahr, dass sich etwas nähert? Eine uralte Technik der Vorhersage: Mit dem Ohr auf der Schiene höre ich früher, was kommt. Schall breitet sich in festen Stoffen weiter aus. Der Transportweg wird zum Signalweg. Der alte Trick erzählt auch davon, wie nützlich der Gebrauch von Technik entgegen ihrer ursprünglichen Bestimmung immer wieder ist. Zweckentfremdung als Kreativitätstechnik. ## Verwandte Themen und Kontexte – Kulturgeschichte der Technik – Signalweg, Signalverarbeitung – Zweckentfremdung mit praktischem Nebeneffekt – Prognostische Technologien – Techniken der Vorhersage – Sorge um die Zukunft – Unausweichlichkeit des Kommenden – Deplatzierung
Künstlerische Absicht
Es ist kein Zufall, dass hier Tänzerinnen liegen. Tänzer:innen stehen regelmäßig in direktem Kontakt mit dem Boden. Sie haben eine hohe Sensibilität für den Boden als Mitspieler entwickelt. Ein Boden, der sie nicht nur trägt, sondern als Tanzboden leicht federt und so ihre Beinarbeit unterstützt. Sie spüren nicht nur jede Unebenheit, sondern auch die Pflege des Ortes, die Sauberkeit, die Bewegungsfreiheit. Ihr ständiger Körperkontakt mit der Welt legt nahe, dass sie über den Boden in die Ferne lauschen. Während zivilisatorische Errungenschaften wie Schuhwerk, Kleidung, Sitzmöbel und Fahrzeuge den direkten Bodenkontakt abfedern und aus dem Bewusstsein verdrängen, ist gerade die Kunst, die als leicht und schwerelos wahrgenommen wird, am intensivsten mit der unmittelbaren Umgebung verbunden. Vielleicht liegt auch im Lesen von Tanz – wie in so vielen kulturellen Gewohnheiten – eine kognitive Dissonanz.
Schlagworte
Original artistic project
Fluchtversprechen Nr 4 (2011)